Der Apennin

Donnerstag, 20.9.2018
Ravenna
Weil es hier so nett ist, bleiben wir einfach noch einen Tag und machen nichts. Quasi Urlaub. Nun ja, Ketten und Schaltung reinigen, Catrins Mantel wechseln, Bremsbeläge überprüfen, mit Peter spielen, Einkaufen fahren, Tagebuch schreiben und bloggen. Aber auch am Pool liegen, plantschen, Tischkicker, Cappuccino trinken und lesen.

 

 

Am Vorabend ist ein belgisches Radlerpärchen im fortgeschrittenen Alter auf E-Bikes angekommen, die einem Radreiseführer Amsterdam – Rom folgen. Die Route ist interessant, führt aber weder über Florenz noch die Eurovelo 7 (Ciclopista del Sol) entlang. Ordentlich Höhenmeter sind dennoch dabei, da können wir auch über Florenz fahren.
Am Abend kommt Lena auf dem Rad an. Sie ist erst von München bis Trient gewandert, hatte dann eher Lust auf Radfahren, hat sich ein billiges Rad und Satteltaschen gekauft und ist zur Adria gefahren. Die Nacht zuvor war sie auf dem gleichen Campingplatz in Bosco Mesola wie wir. Im Gegensatz zu uns ist sie komplett der beschilderten Radroute nach Ravenna gefolgt, hat die SS309 damit vermieden und nochmals 10 km mehr als wir zurückgelegt. In Sachen Leichtgepäck kann man von ihr noch lernen – Leicht-Zelt, Mini-Kocher mit Mini-Kartusche und superleichtem Trink-Ess-Kochtopf. Wir essen zusammen zu Abend und schwatzen. Dazu eine Flasche Pagadebito vom Haus – eine weiße Rebe, die ich nie zuvor getrunken habe. Ausgeprägtes Rosinenaroma, eher halbtrocken. Gestern war es übrigens ein Trebbiano, der völlig anders schmeckte – trocken, mineralisch, mäßige Säure. Lt. Wikipedia soll Pagadebito und Trebbiano die gleiche Rebe sein, das mag ich nach der Verkostung kaum glauben.

 

 

Freitag, 21.9.2018
Ravenna – Brisighella, 58 km, insgesamt 3231 km
Wir fahren auf kleinen Sträßchen ohne Verkehr Richtung Westen. Hier wird Obst angebaut – Äpfel, Birnen, Pfirsiche, Kirschen (natürlich längst geerntet), Kiwis (noch zu hart) und Wein, Wein, Wein, der häufig grade gelesen wird. Irgendwann zeigen sich weit entfernt im Dunst die Umrisse von Hügeln, bald ist Schluss mit Flachland. Wir fahren durch Faenza mit einem sehenswerten, arkadengesäumen, großen zentralen Platz. Die Kirche hat leider zu, wahrscheinlich Siesta. Mittlerweile hat zwischen 13 und 16 Uhr immer alles geschlossen, jedenfalls die kleinen Lädchen – und eben die Kirchen.


Nach Brisighella herein fahren wir schon leicht bergauf zwischen zwei Hügelketten entlang. Hier gibt es keinen Campingplatz, aber einen Wohnmobilstellplatz mit Wasserversorgung und Grüngelände drumherum. Wir schauen uns erst das Städtchen an und werden in der Touristeninfo sehr engagiert mit der Geschichte der Gegend bekannt gemacht. Das Gestein hier ist viel kristalliner Gips, der früher abgebaut und auf Eseln transportiert wurde. Sehenswert ist die mittelalterliche Häuserzeile, in der früher die Eselställe in den Untergeschossen waren.

Wir wandern zum Uhrenturm und zur Burg.

Als Beilage zum Abendessen kaufen wir uns Giuggiole, ein ortstypisches Obst. Von der Form her wie Pflaumen (incl. Kern), von der Farbe wie Kastanien, von der Konsistenz komplett mehlig. Geschmack – naja, aber im Abgang schmeckt’s nach Honig.

Kurz vor Einbruch der Dunkelheit schlagen wir unser Zelt am Rande des Stellplatzes auf, wir bleiben ungestört.
Neben uns ein witziger Mensch im Wohnmobil, dessen hüftkranke Frau wir nur von seinen Erzählungen kennenlernten, da sie den ganzen Abend da Wohnmobil nicht verließ. Er kommt wohl gebürtig aus Sachsen, wohnt aber nun irgendwo im Schwarzwald. Das Resultat: Ein sächsisch-badisches Sprachgemisch, das kaum zu verstehen ist. Sein bester Spruch: „Alt werden ist keine Kunst. Man wird es von selbst, wenn man so lange am Leben bleibt.“ Genauso wollen wir es fortan halten.

Samstag, 22.9.2018
Brisighella – San Piero a Sieve, 69 km, insgesamt 3300 km
Da wir „eigentlich“ (und auch uneigentlich) nicht wirklich an diesem Platz zelten dürfen, stehen wir früh auf, haben das Zelt schon um kurz nach sieben zusammengepackt und brechen nach dem Frühstück für unsere Verhältnisse sehr früh auf. Im Rückblick gesehen eine sehr weise Entscheidung. Vor uns liegen 44 km Steigung bis zum Passo della Colla di Casaglia auf 913 m Höhe. Da Brisighella auf knapp 100 m Höhe liegt, müssen also 800 Höhenmeter überwunden werden. Da die Straße auf dem Anstieg manchmal auch bergab geht, haben wir bis auf Passhöhe ca. 900 Höhenmeter überwunden. Wir folgen dafür der SR302. Ein wunderschönes Sträßchen quer durch den Appeninn. Dass der Verkehr sich in engen Grenzen hält, halten wir dem Wochenende zu Gute. Kaum LKW oder Lieferverkehr.

Stattdessen teilen wir uns die Straße mit Motorradfahrern und Rennradlern. Ein tolles Gefühl: Fast alle Rennradler feuern uns an, sprechen uns an, wo wir hinfahren, wo wir herkommen und das Highlight: Auf ca. 20 m relativ steiler Strecke schiebt mich ein Rennradler sogar an. Wir versuchen mit unseren paar Brocken Italienisch-Kenntnissen möglichst intelligent zu wirken. Auch viele Autofahrer hupen uns ermutigend zu und winken. Endlich auf Passhöhe angekommen, schaffen wir es kaum unsere Räder zwischen all den Motorrädern abzustellen. Wir trinken Kaffee und essen Panino. Peter bekommt in der Bar das dickste Marmeladenbrot seines Lebens. Er hat sich’s auch verdient. Klaglos sitzt er Kilometer um Kilometer auf seinem Sättelchen und hilft Papa mal mehr und mal weniger.
Nach dem langen Anstieg eine berauschende Abfahrt. Währenddessen merke ich, dass die Entscheidung, diese Straße von Ost nach West zu fahren die richtige Entscheidung war (nicht dass wir wirklich eine Wahl gehabt hätten…). Aber die nun folgenden 400 Höhenmeter Abstieg sind nach nur 10 km erledigt. Wir rauschen einige Serpentinen hinab und es ist streckenweise echt steil. Dann lieber auf 44 km weitgehend sacht bergauf.
In Borgo San Lorenzo, der ersten größeren Stadt, kauft Martin im Supermarkt für den Abend ein. Ich sitze nur relativ erschossen auf dem Parkplatz und zittere vor den letzten 6 Kilometern. Die Entscheidung, dass heute abend nicht mehr gekocht wird, ist schnell gefällt. Bier, Wein, Salat, Brot, Wurst und Käse sind absolut ausreichend. 6 km später sind wir am Campingplatz. Leider liegt es unglaublich idyllisch am Hang. Wir fluchen leise in uns rein und schieben keuchend die Räder bis zum Zeltplatz. Dafür entlohnt ein wunderschöner Sonnenuntergang mit tollem Abendrot.

Sonntag, 23.9.2018
San Piero a Sieve – Florenz, 42 km, insgesamt 3342 km
Nächste Etappe durch den Apennin. Heute muss noch einmal ein 518m hoher Pass überwunden werden.. Da wir uns aber noch auf gut 200 m befinden, dürfte das Ganze nicht ganz so happig werden. Außerdem hat Martin eine Strecke ausgesucht, die sanfter ansteigen soll als die Hauptstraße (SR302). Als wir 1,5 km saftig bergauf schieben müssen (bei ca. 18% Steigung) überdenken wir diese Alternative noch einmal. Doch nun ist es zu spät und schon eine knappe Dreiviertelstunde später haben wir auch diesen Knackpunkt geschafft. Der Rest der Strecke ist (als wir die SR302 erreicht haben) tatsächlich einigermaßen flach und vor allem sind wir im Gegensatz zu gestern bereits nach 10 km oben. Nun geht es sanft geschwungen runter. Wir folgen nicht weiter der SR302, sondern der SP54. Diese schmiegt sich sanft an den Hang und braust nicht allzu schnell ins Tal. Die Toskana zeigt sich von ihrer besten Seite und hat sich wunderschön herausgeputzt. Wir gurken relativ langsam die Straße herunter, da jede Kurve neue und bezaubernde Ausblicke liefert.

So radeln wir in das Dorf Fiesole hinein. Dort entdeckt Martin in einem Hinterhof eine Bar mit einem riesigen Balkon, der einen wunderbaren Ausblick auf die Landschaft bietet. Wir kehren dort ein und verbringen die nächsten zwei Stunden dort und können gar nicht genug von dem Ausblick bekommen.


Weiter durchs Dorf findet auf dem Hauptplatz ein Bio-ökologischer Markt statt. Dort probieren wir uns durch einen Milch und Joghurtstand, erstehen Vollkornbrot und leckere Tomaten.
Um die nächste Kurve bietet sich der Blick auf Florenz. Ein großes Häusermeer, das von der Kuppel des Doms dominiert wird.
Martin navigiert uns durch die Straßen durch Florenz zum Campingplatz direkt am Ufer des Arno. Auf dem Weg kommen wir an einem brennenden Auto vorbei. Die Feuerwehr kommt und löscht den Brand. Peter ist tief beeindruckt und erzählt noch abends von dem Erlebnis.
Der Campingplatz „Camping in Town“ ist sehr edel, hat einen tollen Pool, Supermarkt und exzellente sanitäre Anlagen. Dafür nimmt er aber auch einen entsprechenden Preis und dies mit Florenz-Aufschlag. Für das Hostel in Ljublana haben wir nicht wesentlich mehr bezahlt. 40,50€ pro Nacht ist bisheriger Campingplatz-Rekord auf unserer Tour.

2 thoughts on “Der Apennin

  1. Dafür haben wir immerhin jahrelang gespart!
    Käse ist in der Tat immer noch die Ausnahme, weil der sich in der Tageshitze in der Satteltasche gerne zur Unkenntlichkeit verformt. Aber mittlerweile werden die Temperaturen käsefreundlicher.

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