Am tyrrhenischen Meer

Mittwoch, 10.10.2018
Rom – Anzio, 84 km, insgesamt 3911 km
Wir packen das vom gestrigen Regenguss leicht patschige Zelt ein. Zumindest das ziemlich verdreckte Groundsheet können wir zuvor in der Sonne trocknen. Dann verabschieden wir uns von Rainer und erreichen über die Schnellstraßen Auf- und Abfahrt den Tiber-Radweg. Wir folgen wieder der vertuellen Eurovelo 7 bzw. Ciclopista del Sol, die in der Realität weder ein Radweg ist noch eine Beschilderung hat. Abgesehen vom Stückchen Tiber-Radweg. Auf diesem geht es überraschend zügig in die Innenstadt, die wir Richtung Süden durchqueren müssen. Wir begegnen einigen (Renn-)Radlern, werden mehrfach nach woher und wohin befragt und dienen gerne als Fotomotiv. Durchs Zentrum verläuft der Radweg tief unten am Tiber und man kommt (außer über Treppen) eigentlich weder hin noch wieder davon weg. Außerdem sieht man nichts. Zum Sightseeing also weniger geeignet, für eine zügige Fahrt jedoch ideal.

Nach der Tiberinsel gibt es eine Rampe, dort verlassen wir den Radweg und erreichen vorbei am Circus Maximus die Via Appia Antika. Die ist zunächst von Verkehr umtost, zieht sich dann aber wunderschön durch römische Reste (fast) autofrei kilometerlang Richtung Südosten.

 

 

Das Pflaster ist stellenweise noch original römisch-rumpelig, was das Fortkommen erschwert. Alternativen sind die Trampelpfade zu beiden Seiten, die aber auch eher Singletracks ähneln. Auf den letzten 2 km ist der Weg nur noch für Mountainbikes geeignet, von denen uns auch einige begegnet sind (ohne Gepäck und Kind hintendran!). Die virtuelle Route der Eurovelo 7 ist also noch verbesserungswürdig, auch weil der weitere Trackverlauf über eine durch ein hohes Gittertor gesperrte Privatstraße und später über die SP3 „Via Ardeatina“ führt. Die ist schmal, kaputt und von vielen LKW befahren. Wieder viele Gewerbebiete und gewerbetreibende Damen am Straßenrand.
Unser Ziel ist der Campingplatz Isola Verde ein paar km vor Nettuno. Das ist für uns eine relativ lange Etappe. Immerhin soll der Campingplatz noch geöffnet haben, so ganz eindeutig habe ich (Martin) die Angaben auf der Website nicht verstanden. Um 18:00 Uhr erreichen wir den Platz, der sowas von geschlossen ist. Während ich enttäuscht das Gittertor anstarre, telefoniert uns Catrin ins nächste B&B „Il Vialetto“ in Anzio – nochmal 6 km. Moderne Kommunikations- und Informationsmethoden haben schon was für sich. Wir werden sehr nett aufgenommen und dürfen sogar die Küche nutzen.

Donnerstag, 11.10.2018
Anzio – Sabaudia, 43 km, insgesamt 3954 km
Nach einem plastiklastigen Früstück (plastikumhüllte Hörnchen, Marmeladentöpfchen, Trinkpäckchen) brechen wir in ein trübes Wetter auf. Immerhin ist es trocken. Außerdem warm genug, um nicht zu sehr zu schwitzen. Heute sehen wir endlich wieder mal das Meer. Dieses Mal auf der anderen Seite von Italien. Wir fahren weitgehend am Meer entlang, machen einige Pausen am Strand, die vor allem Peter genießt.

Der Wind bläst eifrig von vorne. Als es bei der letzten Strandpause anfängt zu nieseln, fahren wir weiter und steuern das von Martin schon gestern gebuchte B&B Flora kurz vor Sabaudia an. Wir landen mitten in einer ländlichen Gegend in einem schönen alten Haus und bekommen ein wunderbar eingerichtetes Zimmer, das sich bis in den Dachgiebel hineinzieht. Das Badezimmer ist riesengroß und ebenfalls toll eingerichtet. Es steht sogar ein Sessel drin.
Auch hier dürfen wir die Küche mitbenutzen, bekommen sogar einen eigenen Kühlschrank.

Martin fährt noch mal los, kauft Gemüse für das Abendessen und (Kühl!)Getränke für die weitere Abendgestaltung. Wir kochen in der schönen Küche und sitzen abends noch gemütlich zusammen. Beim leise rauschenden Regen ist es in einer festen Behausung doppelt schön.

 

Freitag, 12.10.2018
Sabaudia – Sperlonga, 66 km, insgesamt 4020 km
Wir erhalten wieder ein reichhaltiges italienisches Frühstück mit süßen Hörnchen aus der Plastiktüte, Zwieback, Marmelade, Plätzchen, Cornflakes und Joghurt. Wir fahren zum Meer, machen die erste Peter-wühlt-gerne-am-Strand-Pause und umrunden bei Mezzomonte einen Berg, der motivationslos an der Küste aufragt.

Später erreichen wir Terracina, wo wir am ziemlich leeren Strand bei Sonnenschein die nächste Sandwühlpause einlegen. Die Stadt wird von einem Hügel überragt, auf dem ein römischer Tempelrest trohnt.

Durch die nächste Bucht fahren wir nach Sperlonga. Weiße Häuser kleben malerisch am Hügel, wir pausieren nochmal am Strand, an dem sich sogar ein Dutzend Urlauber befinden. Wie mag es hier in der Saison aussehen? Am Stadtausgang erreichen wir den Camping Nord Sud, dessen hervorstechende Eigenschaft nach den vielen geschlossenen Campingplätzen zuvor ist, dass er bis Ende Oktober geöffnet hat! Er hat direkten Strandzugang, wo wir gegen 18:30 den leider viel zu frühen Sonnenuntergang bewundern. Wir beschließen, zwei Tage zu bleiben, damit Peter genügend im Sand wühlen kann. Außerdem ist gutes Wetter angesagt.

Samstag, 13.10.2018
Sperlonga
Heute ist Strandtag! Wir laufen am Strand entlang bis zum Städtchen, essen Eis, buddeln im Sand, baden im Meer, lesen, schlafen, holen einige Tage bloggen nach, suchen eine Unterkunft in Neapel, trinken Espresso.
Urlaub halt.

 

 

 

Rom

Samstag, 6.10.2018
Rom
In der Nacht beginnt es zu regnen.
Daher zögern wir morgens aufzustehen und gehen erst spät los. Heute soll es zunächst zum Petersdom gehen.
Wir laufen zur Bahn und finden den Bahnhof „Due Ponti“ versteckt hinter der Hauptverkehrsstraße. Es gibt keinen Fahrkartenschalter. Da stehen wir nun mit unserem dummen Gesicht. Nur mit Hilfe freundlicher Mitcamper, die unser Problem bemerken, schaffen wir es durch die Sperre auf den Bahnsteig. Sie helfen uns mit einer Fahrkarte aus, die sie schlauerweise schon an der Rezeption des Campingplatzes erstanden hatten.
Wir kaufen uns dann auf dem nächsten Bahnhof direkt ein Mehrtagesticket, damit wir nicht noch einmal so ein Problem haben.

Auf dem Petersplatz stehen wir Schlange. Zum Glück kommt inzwischen manchmal die Sonne raus und es regnet nur noch hin und wieder.
Auf Petersplatz nach Spuren aus Dan Brown’s „Illuminati“ geschaut – und gefunden (West Ponente). Wenig spektakulär, aber trotzdem interessant, dass es das Ding wirklich gibt.
Der Petersdom ist immer noch riesig. Wir schauen uns Michelangelos Maria an und natürlich den „Peter“ mit dem blankgerubbelten Fuß.

In die Kuppel sind wir nicht mehr gestiegen, da uns ein akuter Hungeranfall plagte.
Wir fuhren zum Kolosseum und fanden dort tatsächlich Martins Lieblingspizzeria „Luzzi“ vom letzten Rombesuch wieder. Die ist immer noch lecker und immer noch günstig.
Nach dem Essen reihten wir uns in die Kolosseumsschlange ein. Bei der Sicherheitskontrolle entdecken sie Catrins Opinel-Messer und lassen sie nicht durch (am Petersdom haben sie das Messer glücklicherweise nicht entdeckt). Egal, dann kommen wir eben morgen wieder. Da dann erster Sonntag im Monat ist, ist dann der Eintritt auch frei.
Zur Lateranbasilika gelaufen. Dort das Messer auf ein Fenstersims gelegt und problemlos reingekommen. Die zweite Hälfte einer Messe mitbekommen. Der Kreuzgang hatte leider schon zu.

Auf dem Rückweg noch eine halbe Stunde Wartezeit, bis der Zug zum Campingplatz geht. Wir nutzten die Zeit für einen Besuch des Piazza del Popolo mit der Kirche Santa Maria del Popolo. Dort suchten wir die Chigikapelle, die ebenfalls eine Rolle in „Illuminati“ spielt. Nach 10 Minuten gehen die Lichter aus. Der Küster schließt die Kirche. Wir müssen sowieso gehen, um den Zug zu erreichen.

Im Dunkeln sieht unser Bahnhof „due Ponti“ noch gammeliger und ungemütlicher aus als am Tag. Über große Pfützen springend legen wir den Weg zum Campingplatz an der vielbefahrenen Straße (natürlich ohne Gehweg, dafür aber mit viel Müll und umgestürzten Bäumen) zurück. Fußgänger und Radfahrer sind hier einfach nicht vorgesehen.
Das Zelt und der Boden rundherum sind vom vielen Regen ziemlich durchweicht, alles im Vorzelt klamm. Zum Glück ist innen alles trocken geblieben. Wir kriechen mit leicht feuchten und sehr dreckigen Füßen in die Schlafsäcke.

Sonntag, 7.10.2018
Rom
Heute wollem wir gaaanz früh aufstehen, um vor den Menschenmassen am Kolosseum anzukommen. Leider hält uns der aufs Zelt prasselnde Regen etwas davon ab. Leicht verspätet kommen wir los. Doch als wir uns gegen 10 Uhr in die schon recht lange Schlange am Kolosseum einreihen, scheint die Sonne. Wir merken, dass wir gar nicht in der Schlange zum Kolosseum stehen, sondern dass die Schlange nur zu einem Kartenschalter führt. Da aber auch am Tag mit Gratiseintritt Karten vorgezeigt werden müssen, warten wir geduldig ab und lesen in den uns zur Verfügung stehenden Reiseführern (im E-Book Reader) alles über das Kolosseum und das Forum Romanum. Und als wir endlich im Besitz der Karten sind, ist der Eingang zum Forum auch nicht mehr weit, sodass wir uns erst an dieser Schlange anstellen. Just in diesem Moment kommt John, unser Nachbar vom Campingplatz vorbeigeradelt. Wir freuen uns über diesen Zufall.

Im Forum und auch auf dem Palatin liegen immer noch jede Menge alter Steine herum. Wir finden den Nabel der Welt und schauen von oben herab auf den Circus Maximus, wo heute wohl eine Landwirtschaftsmesse stattfindet.
Raus aus dem Forum Romanum erwartet uns schon die nächste Schlange, die ins Kolosseum hineinführt. Wir stellen uns mal ganz doof und reihen uns „versehentlich“ ziemlich weit vorne ein und kommen daher vergleichsweise schnell rein. Als die Karten kontrolliert werden, sagt die freundliche Frau, dass ich (Catrin) nicht reindarf. Als ich verdutzt schaue, lacht sie mich an, sagt, dass sie mich von gestern wiedererkannt hat (als ich wegen des Opinels weggschickt wurde) und winkt mich durch.

Auch das Kollosseum ist immer noch riesig. Erstaunlich, dass dort mehr Menschen reinpassten als in die Frankfurter Commerbankarena. Und durch unglaublich gutes Wegemanagement konnten die 50000 Menschen innerhalb weniger Minuten an ihre Plätze gelangen. Das klappt heute im Kolosseum nicht mehr. Wir haben an diesem Tag schon gute zwei Stunden Schlange gestanden.
Gruselig, sich vorzustellen, welche Szenen sich hier auf der Arena abspielten. Und gruselig die Vorstellung, welchen Spaß die Römer dabei gehabt hatten und mit welcher Lautstärke sie wohl die „Spiele“ begleiteten.

Nach dem Kolosseum besuchen wir Martins Lieblingspizzeria ein weiteres Mal. Dieses Mal müssen wir auch dort Schlange stehen, aber schon nach 20 Minuten bekommen wir vom aufmerksamen Chef einen Tisch zugewiesen und speisen köstlich.
Am späten Nachmittag kommen wir am Campingplatz an. Peter springt in den Pool.
Tagsüber gab’s noch einige Schauer, ansonsten schien die Sonne und es wird die nächsten zwei Tage auch schön bleiben. Wir räumen das Vorzelt aus, stellen die Taschen zum Trocknen in die Sonne und wischen das nasse Groundsheet ab. Nun lebt es sich doch schon viel angenehmer hier auf dem Campingplatz.
Abends kommt Rainer aus Essen an, der von Kempten aus nach Rom gefahren ist und auch noch Richtung Sizilien weiterfahren will. Aber wie alle anderen Radler, die wir bisher trafen hat er die Reschenpass-Route genommen. Mit der Donau-Ungarn-Slowenien-Strecke haben wir ein Alleinstellungsmerkmal bei allen Fernradlern, die wir treffen.

Montag, 8.10.2018
Rom
Vormittags nehmen wir an einer „Free Walking Tour“ Stadtführung teil. In Rom gibt es mehrere Organisationen, die „free walking tours“ anbieten. Die eine bestand ausdrücklich auf einer ausgedruckten Reservierungsbestätigung, die nächste wollte 2,50€ pro Person als Reservierungsgebühr (wir zahlen nachher sowieso mehr für die Führung, aber irgendwie scheint mir das dem Prinzip der free walking tour zu widersprechen), also nehmen wir den dritten Anbieter. Maria führt uns von der spanischen Treppe über die via del Corso vorbei an der aurelianischen Säule, dem Pantheon und der Piazza Navona bis vor die Engelsbrücke und schwärmt von ihrer Stadt Rom.

Am Nachmittag laufen wir zu Santa Maria della Vittoria, wo Catrin unsere Dan-Brown-Illuminati-Führung vervollständigt. Dort ist die Statue der Verzückung der hl. Theresa zu sehen, von Bernini natürlich. Dann noch den Trevi-Brunnen, vor dem sich wahre Menschenmassen drängeln.

Abends lädt uns John auf ein Bier am Campingplatz ein und wir tauschen Tour- und Routenerlebnisse aus.

Dienstag, 9.10.2018
Rom
Morgens verabschieden wir uns von John, der heute wieder nach Hause fliegt.
Für heute haben wir Karten für die Vatikanischen Museen gekauft, d.h. am Freitag online vorbestellt für den nächsten verfügbaren Zeitslot am Dienstag. Da wir erst den Zeitslot am Mittag gebuch haben, haben wir vormittags noch Zeit, durch Rom zu bummeln und die Fotos zu schießen, für die wir bis jetzt noch keine Zeit hatten. Sprich: Spanische Treppe, Aurelianische Säule, Piazza Navona. Ach, und weil man auf der Piazza Navona so schön Leute gucken kann, kaufen wir uns dort noch ein Eis und verweilen ein wenig.

Über die Engelsbrücke laufen wir zum Petersplatz. Nach einem schnellen Espresso im Stehen (ja wir sind lernfähig und wissen nun, dass auch in den teuersten Ecken der Espresso im Stehen nur 1 Euro kostet), gehen wir zum Eingang der Vatikanischen Museen, laufen an der Schlange vorbei, die keine Eintrittskarten hat und können mit unseren Online-Tickets direkt rein. Peter hopst fröhlich die Treppen hinauf und freut sich, dass wir endlich mal wieder ein Museum besuchen. Wir staunen über all die alten Steinskultpuren, die hier zu bewundern sind, suchen im Mosaik die fantastischsten Fabelwesen und die tollsten Kämpfe, gruseln uns vor den mumifizierten Leichen und sind fasziniert von den italienischen Karten, die 500 Jahre alt sind, auf denen wir aber trotzdem ganz genau unsere Tour durch Italien nachvollziehen können.

 

Als unsere Augen schon anfangen zu tränen und die Füße langsam anfangen zu brennen, kommen die Stanzen Raffaellos. Diese toll ausgemalten Privaträumlichkeiten von Papst Julius II. und Papst Leo X. wären allein schon ein Museum wert.

Und als wir dann nur noch schnell die moderne Abteilung der Museen durcheilen wollen, um flott zur Sixtinischen Kapelle zu kommen (langsam können wir aber wirklich nicht mehr), stolpern wir über Rodins „Der Denker“. Nanu – stehen und hängen hier auch noch modernere Kunstwerke herum, die wir tatsächlich kennen?

Unser Schritt wird langsamer und wir sehen noch Henry Matisse, Paul Klee, Lionel Feininger, Salvador Dali, Max Ernst, Francis Bacon, Max Pechstein und andere namhafte Künstler, vor deren Werken wir dann doch staunend verweilen. Peter ist beeindruckt vom Christophorus-Bild von Otto Dix. Als wir abends in der S-Bahn sitzen, muss ich ihm noch die Geschichte von Christophorus erzählen.

Foto Max Pappert 2010 aus www.stadtbesichtigungen.de

Und dann – endlich – nach weiteren endlos scheinenden Fluren, werden wir in die Sixtische Kapelle geschwemmt. Direkt am Eingang Ordner, die uns sofort weiter schieben. Die Kapelle ist voll! Wir quetschen uns durch die Menschenmassen und schauen staunend nach oben.

Der Raum summt und brummt vom Gemurmel der Menschenmassen. Irgendwann wird es den Ordnern zu laut und es wird lauthals über Lautsprecher ein Gebet angestimmt, um es wieder leiser werden zu lassen. Toller Trick! Den sollte ich auch mal in der Schule anwenden… Wir ergattern einen Sitzplatz an der Rückwand und können fußentlastend die Fresken bestaunen.
Nach der Sixtinischen Kapelle laufen wir noch durch endlos lange Gänge mit tausenderlei bunt gemischter Kunst zum Ausgangsbereich. Dort finden wir die Vatikanische Post und schicken von dort ein paar Postkarten an Familie und Kindergarten. Immerhin haben wir mit dem Vatikanstaat nach Deutschland, Österreich, Slowakei, Ungarn, Slowenien und Italien nun unser siebtes Land auf unserer Tour erreicht!

Von den Vatikanischen Museen (leider hat es schon wieder leicht zu regnen angefangen, und wir haben keine Regenjacken dabei) fahren wir mit dem Bus nach Trastevere. Fein – es ist voll auf der Straße, der Bus schiebt sich quälend langsam vorwärts, wir haben Sitzplätze und die Füße und Beine danken es uns.
In Trastevere geht es beschaulicher zu als im Vatikan-Bezirk. Niedrigere und bunt angemalte Häuser, kleinere Gassen, einladende Bars, Trattorien und Restaurants. Wir steuern eines an und freuen uns auf ein schnelles Essen. Das Essen zieht sich ein wenig in die Länge, da just zu diesem Zeitpunkt ein Regenguss mit Gewitter über Rom niedergeht. Wir denken mit Bedauern wir an unsere Handtücher und frisch gewaschenen T-Shirts, die vor unserem Zelt hängen, freuen uns aber, dass wir selbst gerade im Trockenen sitzen.

Als der Regen vorbei ist, schauen wir uns noch St. Maria in Trastevere und St. Caecilia an. Auch der Besuch in St. Maria dauert wegen Regens länger als geplant. Als wir aus St. Caecilia rauskommen, ist es schon dunkel und wir machen uns auf den Weg zurück zum Campingplatz. Im Bus eine aufgeregt schnatternde 10. Klasse aus Deutschland, die gefühlt hundert Mal fragt, wo sie denn raus muss und wann denn nun endlich die Station „Termini“ kommt. Die zuständigen Lehrer scheinen lieber im Hotel geblieben zu sein.
Am Campingplatz noch kleines Abendessen, Bier und gute Gespräche mit Zeltnachbar Rainer.

 

Von Umbrien nach Latium

Sonntag, 30.9.2018
Perugia – Assisi, 34 km, insgesamt 3616 km
Morgens werden wir vom Schreien des Esels geweckt und frühstücken mit perfekter Ausicht. Perugia liegt ein paar Kilometer entfernt – auf einem Hügel natürlich. Da die größte Sehenswürdigkeit von Perugia eine Schokoladenfabrik zu sein scheint, die Sonntags geschlossen und eh nur nach wochenlanger Voranmeldung zu besichtigen ist, nehmen wir den direkten Weg nach Assisi. Google führt uns landschaftlich reizlos, aber weitgehend flach direkt an der Autostrada entlang durch Gewerbegebiete. „Weitgehend flach“ bedeutet die eine oder andere giftige Steigung gradewegs über den nächsten Hügel. Assisi ist schon von weitem zu sehen, klar, liegt ja auch auf einem Hügel.

Vorher kommen wir durch Santa Maria degli Angeli mit einer pompösen, neo-barocken Kirche. Hier soll einer der Lieblingsplätze des hl. Franziskus gewesen sein. Vor dem Bau der Kirche, natürlich.

Dann geht es hinauf auf den Hügel, an Assisi vorbei und hinauf auf den Campingplatz Fontemaggio. Viel Platz unter duftenden Pinien, wenig los, es gibt ein Restaurant und einen Mini-Markt. Wir verbringen den Rest des Tages in Ruhe und verschieben die Besichtigung von Assisi auf den nächsten Tag.

Montag, 1.10.2018
Assisi
Morgens ist der Himmel grau und es ist kühl, ein gradezu ungewohntes Wetter. Wir laufen einen Pfad bis Assisi und gehen durch Gässchen und über Treppen vorbei an St. Rufino, über den Stadtplatz mit Santa Maria sopra Minerva (dem ehemaligen römischen Minervatempel) und dem Torre del Popolo

bis zur Franzikus-Basilika. Die zwei Kirchen übereinander sind mit Fresken aus dem Leben von Franziskus und Jesus ausgemalt. Regelmäßig werden die Besucher lautsprecherverstärkt ermahnt, Stille zu halten und nicht zu fotografieren. In einer Krypta unter der Unterkirche ist das Grab von Franziskus, in einer Seitenkapelle seine vielfach geflickte Kutte und andere Devotionalen.

 

Anschließend gehen wir zur Burg hinauf. Mittlerweile regnet es, die Burg liegt in einer Wolke.

Eigentlich soll man von hier einen tollen Blick über die Ebene haben. Wir haben einen tollen Blick auf das heranziehende Gewitter.

Auf dem Rückweg legen wir angesichts des Donnergrollens und des immer stärker prasselnden Regens eine intensive Besichtung von St. Rufino ein. Im Boden sind durch Glasscheiben die Fundamente der ersten Kirche an dieser Stelle zu sehen und auch ein paar römische Reste. Außerdem kann man in der Kirchenbank auch toll Reiseführer lesen. Als der Regen nachlässt, gehen wir zurück und vergraben uns im Zelt. Abends besuchen wir das Restaurant am Campingplatz (Fontemaggio ist auch Hotel und Jugendherberge). Mitten im Raum arbeitet der Koch an einem riesigen Holzkohlegrill.

Wir essen rustikal, Fleisch mit viel Knochen, Kartoffeln aus der Glut und Gemüse. Am Tisch mit uns sitzt eine ältere Dame, die den „Camino“ geht, den Franziskus-Pilgerweg von Montepaola Dovadola nach Assisi. Mit maximalen Höhenmetern schön durch die Berge.
Abends hört der Regen auf und nachts bleibt es trocken.

Dienstag, 2.10.2018
Assisi – Spoleto, 53 km, insgesamt 3669 km
Es ist trocken und zwischen den Wolken blitzt die Sonne durch, hurra. Wir fahren erst steil, dann sanfter den Hang hinunter zwischen Olivenhainen nach Spello. Ebenfalls ein malerisch auf den Hügel geklebtes umbrisches Städtchen.

Wir sehen die Reste eines römischen Aquäduktes, den man kilometerlang entlangwandern kann. Was wir uns verkneifen. Stattdessen halten wir in einem winzigen Cafe, bei dem die zwei Stühlchen vor der Tür zurückgeschoben werden müssen, wenn ein zu breites Auto die schmale Gasse entlang fährt. Und es fahren nicht nur kleine PKW, sonden durchaus auch Lieferwagen und die örtlichen Busse durch die Gasse.

Jedes dieser malerischen Innenstädtchen wäre in Deutschland autofreie Zone, aber in Italien darf immer und überall Auto gefahren werden und die Italiener fahren immer und überall. Kein Schotterweg am Berg und kein noch so kleines Innenstadtgässchen, auf dem uns nicht Autos entgegengekommen wären. Nur Treppen oder Poller können die Italiener bremsen. Wir schieben unsere Räder durch Spello, bis es hinabgeht in die Ebene. Weitgehend flach geht es weiter. Wir stoßen nach einiger Zeit sogar auf eine Radwegbeschilderung Assisi – Spoleto, der wir folgen.
Die Sicht ist wieder besser und noch bis kurz vor Spoleto können wir nach Assisi zurückschauen.
In Spoleto haben wir uns in einem B&B eingemietet, weil es weit und breit keinen Campingpatz zu geben scheint. Ich (Martin) fahre mit Peter noch in die Innenstadt, wir wandern durch die Gassen bis zum Duomo.

Dann kaufen wir ein, das B&B ist eigentlich eine Dreizimmerwohnung mit Küche, in der wir kochen können. Eine weitere Mitbewohnerin ist Grundschullehrerin, arbeitet in der Woche in Spoleto und fährt am Wochenende nach Hause in Messina – ein weiter Weg.

Mittwoch, 3.10.2018
Spoleto – Narni, 46 km, insgesamt 3715 km
Das Frühstück im B&B ist nur ein Cappuccino und ein Puddinghörnchen in der Bar nebenan. Nach ein paar Kilometern führt mein Track wieder in die Berge. Das Sträßchen wird immer schmaler und entsprechend steil, aber das Tal mit Pinien und sonnenbeschienenen Bergen drumherum ist wunderschön.

Auf dem Weg abwärts ist der Track leider nur noch eine Piste aus groben Schotter, der mit unserem Tross entsprechend langsam gefahren werden muss. Beim Sackgassenschild in der Einöde müssen wir lachen und wähnen uns am Ende der Welt. Zum Glück stand das Schild wohl nur zum Spaß da.

Irgendwann landen wir auf der SP67, die sich gut asphaltiert und fast ohne Verkehr durch ein wunderschönes Tal mit schroffen Hängen nach Terni schraubt.

Terni ist eine unansehnliche, mittelgroße Stadt, die wir ohne größere Besichtigungen durchqueren. Vor Narni bleiben wir im Hotel „la Rocca“, weil der Campingplatz bereits geschlossen hat. Narni soll der geografische Mittelpunkt von Italien sein. Außerdem ist es der Namensgeber des phantastischen Landes Narnia, entsprechend beeindruckt muss C.S. Lewis von der Stadt gewesen sein. Wir sehen von einer Besichtigung ab und ich (Martin) nutze die Zeit, den gestern erworbenen Mantel an Catrins Vorderrad und meine Bremsbeläge zu wechseln.

Donnerstag, 4.10.2018
Narni – Stimigliano, 47 km, insgesamt 3762 km
Nach einem für italienische Verhältnisse reichhaltigem Frühstück (neben diversen Sorten Kuchen und Gebäck gibt es sogar ein paar Scheibchen Salami und Käse) fahren wir weiter mit etwas schlechtem Gewissen, weil wir der Stadt Narni keinen Blick gegönnt haben. Über kleine Sträßchen fahren wir bis zur SR313, der wir folgen – mit wenig Verkehr schraubt sich die Straße in die Höhe, wunderschön und etwas anstrengend an Berghängen entlang. Unseren nächsten Stopp haben wir in einem B&B in Stimigliano gebucht, weil wieder kein Campingplatz weit und breit vorhanden, die Unterkunft aber günstig ist. Mit einigen Höhenmetern fahren wir durch den Landstrich Sabina. Die Sabiner waren Nachbarn der Römer und bekannt durch den Raub der Sabinerinnen. Heutzutage fallen sie uns durch interessante Städtepartnerschaften auf.

Durch Torri di Sabina wechseln wir auf die SP52 nach Stimigliamo. Unser B&B entpuppt sich als Maisonette-Appartement mit Herd, Kühlschrank, Wohnraum im Erdgeschoss und Schlafzimmer im Obergeschoss. Der Felsen am Hang ist schön in den Bau integriert. Eigentlich viel zu schön, um nur eine Nacht darin zu verbringen.

Allerdings funktioniert das Wifi nicht, was hier etwas schade ist: Bislang hatten wir in Italien immer hervorragende LTE-Verbindung, sitzen in Stimigliamo aber in einem Funkloch. Wir bummeln durch die winzige Altstadt mit engen Gässchen und einem tollen Blick ins Tiber-Tal, auch hier ist die Stadt wieder malerisch an den Hang geklebt.

 

 

Freitag, 5.10.2018
Stimigliano – Rom, 65 km, insgesamt 3827 km
Alle Track-Vorschläge aus dem Internet führen in epischen Schleifen schön auf und ab über die Hügel Richtung Rom. Wir wollen ankommen, deswegen fahren wir über die Hauptverkehrsstraßen SR657, SS313, SS4 und SS15a „Tiburtina“ nach Rom, grob dem Tiber folgend. Leider gibt es keinen Tiber-Fernradeg, den hätten wir schon ab Perugia nehmen können (allerdings unter Umgehung von Assisi). Der Verkehr wird immer dichter, je mehr wir uns Rom nähern. Zweimal müssen wir Verkehrsknoten queren, die definitiv ausschließlich für Autos und nicht für Fahrräder entworfen wurden. Dank unserer vorbereiteten Route mit Google Maps und Velomap/OSM klappt das ganz gut und nur mit gaaanz wenig gegen die Einbahnstraße fahren.
Die Landschaft ist heute weniger reizvoll als in den letzten Tagen, stattdessen viele Gewerbegebiete. A propos Gewerbe: An der Tiburtina stehen alle paar hundert Meter Damen, die ihre Dienste anbieten. Wir kommen als Kundschaft allerdings kaum in Frage. Catrin ist geschockt. Auf den letzten Kilometern von Norden kommend erreichen wir tatsächlich den Tiber-Radweg, dem wir folgen, bis wir zum Campingplatz Flaminio abbiegen.

Wir müssen eine Bahnlinie und eine Autobahn queren, dann führt uns unser vorbereiteter Track bis zu einer Leitplanke an der Autobahnabfahrt. Der Campingplatz ist zwar nur noch 500m entfernt, aber auf diesem Weg unerreichbar. Also zurück, die Auffahrt auf die autobahngleich ausgebaute Straße nehmen und im brausenden Verkehr das Kunststück vollbringen, auf die linke Spur zu wechseln – die rechte verschwindet in der falschen Richtung im Tunnel. Dabei wird Catrin wüst von einem Autofahrer beschimpft, der zum Bremsen genötigt wurde. Catrin schimpft zurück. Gerne hätte ich das fotografisch festgehalten, aber für ein Foto auf der Autobahn anzuhalten, habe ich mich nun doch nicht getraut.
Wir sind in Rom!

Neben uns auf dem Zeltplatz treffen wir John, einen holländischen Einzelradler, den wir schon in Assisi gesehen haben und der uns schon in Florenz bemerkt hat. Erst jetzt wechseln wir ein paar Worte. Er beendet seine Tour hier.