Basilikata? – Ein Gewürz, eine Kirchenbauweise oder was?

Freitag, 19.10.2018
Pompei – Salerno, 47 km, insgesamt 4213 km
Heute müssten wir eigentlich die Amalfi-Küste entlangfahren. Wir wagen es aber nicht – Reisende zuvor und auch Catrins Bruder Michael haben uns davon abgeraten. Die Straße sei schmal und kurvig, als Radfahrer – zudem als schwerfältiger Radfahrer mit Tourengepäck und Kind – solle man die Strecke nicht wagen. Dankenswerterweise versorgt uns Michael mit Fotos der Amalfiküste. Folgendes haben wir beispielsweise verpasst:

 

Also fahren wir direkt über die SS18 und parallel führende Straßen Richtung Salerno. Die Strecke führt durch geschlossene Bebauung, alles Orte, die noch zum Großraum Neapel gehören. Dementsprechend dicht ist der Verkehr. In Salerno schauen wir uns den Duomo an, in dem (angeblich) das Grab von St. Matthäus ist. Die große Krypta ist jedenfalls voll von Fresken aus dem Leben Jesu.

Dann wollen wir noch in ein Museum, in dem medizinische Praktiken des Mittelalters dargestellt werden, aber es ist wegen einer epischen Mittagspause von 13:00 bis 17:00 Uhr geschlossen. Also fahren wir noch einige Kilometer weiter am Meer entlang, hier endet die geschlossene Bebauung. Der Camping „Lido di Salerno“ hat geöffnet, viel Platz (bis auf die wenigen deutschen und österreichischen Wohnmobile) und liegt direkt am Strand. Wir plantschen im Meer in der Nachmittagssonne und genießen den Urlaub.

Samstag, 20.10.2018
Salerno – Paestum, 24 km, insgesamt 4237 km
Gradewegs die Küste entlang fahren wir heute nur einen kleinen Hopser nach Paestum. Unsere Tagesetappen werden mittlerweile stark von noch geöffneten Campingplätzen bestimmt. Auf der Suche nach einer Einkaufsgelegenheit zeigt uns Google einen Aldi an der Strecke – den haben wir hier schon lange nicht mehr gesehen. Den Aldi, den wir finden, hat allerdings bis auf den wahrscheinlich zufällig gleichen Namen mit „unserem“ Aldi nichts zu tun.

Vor dem Laden kommen wir mit einem Pilger ins Gespräch (erkennbar an der Jakobsuschel am Rucksack), der seit 9 Monaten zu Fuß unterwegs ist. Erst von Hamburg nach Rom, dann ist er weitergewandert nach Jerusalem, hat sich von einem Frachtschiff nach Neapel mitnehmen lassen und ist jetzt auf dem Weg in den Süden.
Weiter geht die Strecke an dem uns mittlerweile vertrauten Anblick geschlossener Lidos, Strandparkplätzen und diverser Campingplätze vorbei. In Paestum schlagen wir unser Zelt auf dem Camping dei Pini auf, der ganzjährig geöffnet hat. Dann sehen wir uns die griechischen Tempel an. Paestum, ursprünglich Poseidonia, ist eine griechische Gründung aus dem 6. Jhd. vor Christus, bis die Stadt im 3. Jhd. v. Chr. von den Römern erobert wurde, in der Kaiserzeit an Bedeutung verlor und im 5. Jhd. n. Chr. mehr oder weniger verlassen wurde. Die Gegend versank in Sumpf und Urwald. Erst im 18. Jhd. wurden die Reste wiederentdeckt, als eine Straße quer durch das Gelände gefräst wurde. Es stehen noch 3 imposant aussehende griechische Tempel dort. Goethe war auch schon da.

 

Sonntag, 21.10.2018
Paestum – Ascea, 55 km, insgesamt 4292 km
Der virtuelle Track der Eurovelo 7 bzw. Ciclopista del Sol scheint heute streckenweise über die autobahnähnliche Schnellstraße SS18 zu führen, was uns irritiert. Stattdessen fahren wir größtenteils über die SR 267, die wunderschön die Küste entlangführt. Mit einigen Steigungen, aber alle gut zu fahren.

Das Wetter ist ideal, Sonnenschein bei milder Luft. Auch der Verkehr lässt nach einigen Kilometern stark nach, wir wissen nicht, ob das dem Sonntag geschuldet ist. In Pioppi lockt uns ein Cafe mit einem Schild „Bicycle Stop“, dort essen wir eine Kleinigkeit und bestellen – dank unserer mangelhaften Sprachkentnisse aus Versehen – zwei Teller frittierte Sardinen. Hätten wir absichtlich nie gemacht, aber es war lecker!

Für die Nacht und den morgigen Tag ist Regen angesagt, deswegen haben wir uns im etwas abseits liegenden B&B / Restaurante „Il Grappolo“ einquartiert, obwohl wir lt. telefonischer Auskunft auch auf dem Wohnmobilparkplatz „il Mulino“ hätten campen können.
In Ascea gibt es griechische Reste zu besichtigen. Da diese lt. Reiseführer weder mit Tempeln wie in Paestum noch mit Häusern wie in Pompei aufwarten können, bleiben wir wo wir sind. Peter baut aus einer Klappliege eine Burg für seine Lego-Männchen. Wir erforschen die Route für den morgigen Tag. Diese verspricht viele, viele Höhenmeter auf den knapp 60 km bis zum nächsten B&B in Scario. Und das bei angesagtem Regen. Und einer von Google Maps verzeichneten Straßensperrung. Es wird also spannend.
Abends essen wir Pizza im angegliederten Restaurant. Die Küchenfee ist in Wuppertal aufgewachsen und unterhält sich mit uns auf deutsch.

Montag, 22.10.2018
Ascea – Scario, 16 km, insgesamt 4308 km
In der Nacht gibt es ein paar Gewitter und wir freuen uns über ein festes Dach. Morgens dräuen dunkle Wolken, aber es ist noch trocken.

Nach den ersten 8 km hat uns der Regen eingeholt und wir stellen uns unter einem Vordach in Ascea unter. Es schüttet wie aus Kübeln. Die Straße verwandelt sich in einen Fluss, die Autos fahren spritzend durch und aus den Gullideckeln kommen Wasserfontänen.

Irgendwann lässt der Regen nach, aber weitere dunkle Wolken ziehen heran. Wir beschließen eine Planänderung und fahren eine supersteile Straße hinunter zum Bahnhof in Mare di Ascea. Catrin stürzt fast auf der regennassen Fahrbahn, kommt aber glücklicherweise auch heil unten an. Am Bahnhof halten kaum Züge, der nächste Regionalzug Richtung Süden fährt um 14:26 Uhr. Den wollen wir bis Policastro Bussentino nehmen. Bis wir die Fahrkarten am Automaten erstanden haben, hat der Regen aufgehört und die Sonne kommt zwischen den Wolken hervor. Nun ja. Wir laufen durch den Ort bis zur Promenade am Meer – gähnend leer, alles geschlossen und das Meer brandet rauschend an den vollkommen leeren Strand. Peter findet’s prima und fängt gleich mit einem Stock an, im Sand zu wühlen.
Auf dem Rückweg zum Bahnhof noch in einer Pasticceria leckere süße Teilchen geholt (irgendwie muss man sich ja belohnen) und mit einem Cappuccino aus der Bahnhofsbar genossen.
Nun müssen nur noch die Fahrräder mit dem ganzen Gepäck auf Bahnsteig 2 gewuchtet werden. Also, alles abbauen, Treppe runter schleppen, durch den Tunnel (in dem das Wasser steht) tragen, Treppe wieder rauf tragen. Inzwischen sind zwei weitere Reiseradler angekommen. Beide mit E-Bikes (Riese und Müller) und Ortlieb-Satteltaschen ausgestattet. Zu unserer Überraschung entpuppen sich die beiden als Italiener. Allerdings kommen sie aus dem äußersten Nordwesten in der Nähe von Aosta, sind also quasi eher Franzosen. Denn Italiener haben wir bisher nur als Rennradler gesehen. Reiseradeln ist hier absolut unüblich, daher werden wir ja auch immer bestaunt, wenn wir vorbeiradeln.


Der Zug fährt ein, unter großem Hallo werden die Räder ins Fahrradabteil gehoben. Der Zug fährt die nächsten 30 km quasi Luftlinie fast immer im Tunnel. Wir steigen nach 3 Stationen schon wieder aus, warten den nächsten Regenguss ab und fahren 5 km zurück zu unserer vorgebuchten Unterkunft in Scario.

Wir beziehen eine ganze Wohnung mit Küche, die kaum mehr als ein Stellplatz beim Campen kostet. Der Ort hat eine hübsche Uferpromenade mit einem kleinen Hafen, die Brandung rauscht an die Mauer und die Küstenkulisse ist teils verhüllt von Wolken, teils angestrahlt von ein wenig Sonne. Touristen hat es um diese Jahreszeit hier nicht mehr.

 

Dienstag, 23.10.2018
Scario – Scalea, 60 km, 4368 km
Hurra, es ist trocken. Später lesen wir, dass gestern in Rom Wolkenbrüche mit Hagelschauer niedergingen. Da sind wir gestern doch recht trocken davongekommen. Wir fahren heute die SS18 „Tirrena Inferiore“ die Steilküste entlang. Von Policastro aus bewundern wir einen schönen Regenbogen hinter uns am Berg, wir bleiben trocken.

Ab Sapri windet sich die schmale Straße wunderschön am Hang entlang. Wir überqueren die Grenze zwischen Kampanien und Basilikata, diese Region war uns vorher kein Begriff. Die Straße ist gut und mit 5 bis 6 Metern breit genug für zwei Spuren. Solange man kein Bus oder LKW ist. Der Verkehr ist kaum nennenswert. Wir kommen gar nicht dazu, uns über die eine oder andere Steigung zu ärgern, weil sich hinter jeder Biegung ein neuer, atemberaubender Blick auf die Küste bietet. Vor einer Kulisse aus Sonne und Wolken zeigen sich die Steilküste und das türkis- bis dunkelblaue Wasser von ihrer besten Seite. Im Reiseführer wird diese Küste bei Maratea gerne mit der Amalfi-Küste verglichen. Im Gegensatz zur Amalfi-Küste konnte uns hier niemand von der Fahrt über diese wunderschöne Strecke abraten, und das war auch gut so.

 

Über Maratea erhebt sich auf einem Berg eine Christusstatue, die der auf dem Corcovado in Rio de Janeiro Konkurrenz macht. In der Kirche daneben ruhen die Gebeine von St. Blasius, der uns vielleicht auch bis ins Tal vor Halskrankheiten schützt. Da hinauf fahren wir mit den Rädern bestimmt nicht.

Bei Castrocucco ist Basilikata schon wieder zu Ende – die Region erstreckt sich zum größten Teil im Landesinneren – und wir erreichen Kalabrien. Die SS18 wird hier zu einer gut ausgebauten, breiten Straße mit mehr Verkehr und weniger landschaftlichem Reiz. Wir fahren etwas küstennäher (und steigungsärmer) über die SP1, bevor wir uns wieder ein paar Serpentinen zur SS18 hinaufschrauben. Mittlerweile hat der aus Nordost wehende Wind, der uns unterwegs schon gut geschoben hat, zu starken Böen aufgefrischt. Die SS18 führt zwischen Atrigna und San Nicola Arcella auf Brücken über einige tief eingeschnittene Schluchten. Vor den Brücken warnen elektrische Warnschilder vor „Vento Forte“. Auf der letzten Brücke heult der Wind unheilverkündend durch die Drahtgitter beidseits der Brücke und packt uns ins mit einer Böe von schräg hinten. Erst muss ich (Martin) mich darauf konzentrieren, nicht gegen die Fahrbahnbegrenzung gedrückt zu werden. Dann nehme ich den Schwung mit und lasse mich vom Wind flott auf 28 km/h beschleunigen. Wir sind froh, als wir die Brücken hinter uns haben und abwärts nach Scalea rollen. Was für ein Glück, dass wir nicht gegen den Wind fahren müssen.
Deutlich früher als angekündigt erreichen wir das Appartement „Casa Kerol“ in Scalea, wo just im gleichen Moment zufällig unser Vermieter auftaucht und uns freundlich in Empfang nimmt. Am Nachmittag laufen wir durch die Altstadt – enge Gässchen mit Treppen drängen sich um einen Hügel. Auf vielen Treppen geht es hinauf- und hinab. Daher auch der Name der Stadt Scalea – das heißt auf italienisch Freitreppe. Was für ein Glück, dass wir nicht aus Versehen ein Zimmer mitten in der Altstadt gebucht haben. Das hätten wir mit den Rädern schlecht erreichen können.

One thought on “Basilikata? – Ein Gewürz, eine Kirchenbauweise oder was?

  1. Hallo ihr 3!
    Ich bin inzwischen auch in Neapel angekommen (B&B) und bleibe bis Dienstag. Bin erst Donnerstag aus Rom gestartet – über Latina, Itri – war eine ziemlich anstrengende Strecke.
    Ich bin noch nicht sicher, auf welchem Weg ich nach Sizilien fahre. Eigentlich möchte ich noch nach Matera. Auf jeden Fall geht meine Fähre ab Palermo nach Livorno am 13. November abends.
    Wer weiß, vielleicht treffen wir uns ja noch irgendwo auf Sicilia. 😉
    Weiterhin gute Reise, herzliche Grüße
    Rainer

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