Auf dem Weg nach Wien

Mittwoch, 1.8.2018
Linz – Grein, 59 km – gesamt 1366 km
Auf dem Weg möchten wir heute eine Geschichtseinheit einlegen und der KZ-Gedenkstätte Mauthausen einen Besuch abstatten. Schon Kilometer vorher wird auf die gräuliche Geschiche dieser Gegend hingewiesen. Als der Weg vom Donauradweg Richtung Gedenkstätte abbiegt, steht dort ein Schild mit dem Hinweis: 2 km steile Strecke mit bis zu 14% Steigung. Da uns die 10% Steigung der Pöstlingbergbahn noch gut in Erinnerung ist (die wir ja zum Glück gefahren worden sind) und wir auch unsicher sind, ob die Konfrontation dieses dunklen Teils der Geschichte schon was für Peter ist, fahren wir lieber weiter. Wenige hundert Meter später kommen wir am örtlichen Schwimmbad vorbei. Peter jubelt und fragt, ob wir es besuchen können. Da der letzte Programmpunkt wegfiel, fällt uns kein Gegenargument ein und so finden wir uns statt in einer Gedenkstätte in einer Badestätte wieder.
Mauthausen liegt auf der Hälfte unserer geplanten Tagesetappe, die 40 km betragen soll. Wir peilen den im Reiseführer eingetragenen Campingplatz beim Hörstorfer Badesee an. An der Informationsstelle an der Donau in der Nähe von Hörstorf müssen wir um kurz vor 17 Uhr feststellen, dass es den Campingplatz gar nicht mehr gibt.
Frust! Was nun? Der nächste Campingplatz ist 20 km weiter in Grein. Wir füllen vorsichtshalber mal den 10l Wasserschlauch auf, falls wir uns für die nächste Nacht ins Gebüsch schlagen müssen. Doch der Weg ist gut ausgebaut und asphaltiert, die Räder rollen leicht. Nach 5 km leere ich den Wasserschlauch wieder und fahre um 10 Kilo befreit locker weiter. Peters Laune ist in Ordnung. Wir zählen alle Zahlen von 1 bis 408 durch und kommen am Greiner Campingplatz an. Er ist überraschend leer. Wir treffen viele Leute vom Linzer Campingplatz wieder, die sich aber auf der großen Zeltwiese gut verteilen.
Abends haben wir uns ein leckeres Abendessen verdient. Peter mach die Vorspeisenplatte mit verschiedenen Gemüse mit Salz und Pfeffer. Derweil koche ich Tortellini mit Zuckerschoten in einer Sahnesauce. So lässt es sich gut leben.

Donnerstag, 2.8.2018
Grein – Melk, 49 km – gesamt 1415 km
Wir schieben unsere Räder durch das Örtchen Grein, das vor allem damit wirbt, die Mitte des Donauradweges zwischen Passau und Wien zu markieren.
Anschließend wollen wir mit der Fähre auf das rechte Donauufer übersetzen, um dort weiterzufahren. Jedoch stehen schon Trauben von Menschen und vollgepackten Rädern am Anleger für die ca. 10 Fahrräder fassende Fähre. Wir entscheiden uns spontan, die zwei Kilometer zur vorherigen Brücke zurückzufahren und dort über die Donau zu setzen.
Danach geht es am Teufelsbettstein nach Ybbs.

In Ybbs lockt uns das Fahrradmuseum. Eine wunderbare Sammlung altertümlicher und einiger seltsamer moderner Fahrräder. Wir durften auf Original Nachbauten des Laufrades von Drais und zwei Hochrädern probesitzen. Eine sehr spezielle Erfahrung. Nun wissen wir, was wir an unseren Tourenrädern haben. Peter freut sich, dass im Keller eine Kinderabteilung ist, wo er diverse alte Kinderfahrzeuge ausprobieren darf.

 

Alles in allem besteht das Museum aus je einem kleinen Ausstellungsraum im Erdgeschoss und zwei noch kleineren Ausstellungsräumen im Keller. Aber es besticht durch eine unglaubliche Vielfalt an Exponaten und dem großen Wissen des Museumsaufpassers, der jede Menge über alles in dem Museum zu berichten wusste. Dies beinhaltete beispielsweise auch das Grammophon, das er extra für uns bzw. für Peter in Gang setzte.
Und wieder was gelernt: Ein Grammophon funktioniert gänzlich ohne Strom, nur durch Aufziehen. Toll!
Während unsrer späten Mittagspause an der Ybbs-Mündung beginnt es zu regnen. Unser Nudelsalat verwässert ein wenig, aber ansonsten erfrischt uns der Regen auch. Allerdings fängt die ganze Landschaft inklusive uns an zu dampfen. Bei 35 Grad im Schatten kein Wunder. Es wird sehr Dampfbad-artig.
In Pöchlarn legen wir einen weiteren Stopp ein, da das Fahren bei der hohen Feuchtigkeit anstrengend wird. Erstaunt stellen wir fest, dass hier Nibelungen-Gegend ist und Pöchlarn in der Nibelungensage vorkommt. Hinter Pöchlarn verbirgt sich nämlich der Ort Bechelaren, in dem Markgraf Rüdiger lebte. Dessen Gastfreundschaft nahm der gesamte Hof von Worms bei seiner Reise zu König Etzel in Anspruch.
Nach einer Kaffee-Bier-Eis Pause fahren wir bis Melk und kommen an der komplett durchnässten Zeltwiese am Schiffsanleger für die Donau-Kreuzfahrtschiffe an. Wir bauen das Zelt in die nasse Wiese und im Nu ist auch unser Zeug komplett durchfeuchtet. Die Luftfeuchtigkeit ist wirklich der Wahnsinn. Wir kommen uns vor wie im Regenwald. Alles trieft, man kann nichts anfassen, weil es nur tropft. Peter spielt fröhlich in einer der großen Pfützen auf dem Platz.
Auch die Insekten sind schon da. Bisher brauchten wir wenig Anti-Brumm. Aber heute schlagen wir kräftig zu.
Wir kochen Nudeln und machen Salat, während uns die Frisbeescheibe der benachbarten ungarischen Kanutruppe um die Ohren fliegt.

Freitag, 3.8.2018
Melk – Krems, 44 km – gesamt 1459 km
Wir (also Martin und ich; Peter schläft wie immer länger) werden früh wach und wandern an den Anleger. Wir schauen zwei Kreuzfahrtschiffen beim Anlegen zu und staunen, wieviel Muskelkraft trotz aller Motoren beim Anlegen und Vertäuen vonnöten ist.


Über der Donau wabert immer noch der Restnebel von dem Feuchtigkeitsschub gestern. Jedoch verspricht dieser Tag wieder trockener und sonniger zu werden.
Als auch Peter endlich wach ist und gefrühstückt hat, lassen wir das Zelt zum Trocknen stehen und fahren erst einmal zum Stift, um es zu besichtigen. Wir waren schon einmal vor 10 Jahren hier und hatten es sehr gut in Erinnerung. Und ich kann sagen: Es ist immer noch wunderschön und beeindruckend. Auch Peter geht staunend durch die Ausstellungsräume, die alte Bibliothek und vor allem durch die komplett barocke Stiftskirche. Mit viel Gold ist er ja immer zu beeindrucken. Heute besuchen wir auch den Gartenpavillon mit seinen „exotischen Fresken“. Mit dieser Bezeichnung konnten wir zunächst nicht viel anfangen. Erst als wir davorstanden verstanden wir: Da haben die Leute damals eine exotische Landschaft aufgemalt mit Tieren, die in Afrika oder Asien leben. Da sie diese aber nie gesehen hatten, sondern nur davon gehört, sehen die Tiere teils etwas seltsam aus. Die Ohren des Elefanten sitzen etwas tief und sehen sehr menschlich aus. Der Rüssel endet in einer Art Rosette. Der Vogel Strauß hat einen pferdeähnlichen Kopf und die Mähne des Löwen gleicht wohlfrisiertem Damenhaar. Die Gebisse aller Raubtiere sind ebenfalls sehr menschlich.

Am späten Mittag verlassen wir Melk und machen uns auf eine etwas beschwerliche Tour durch eine Bruthitze. Selbst der Fahrtwind kühlt heute wenig sondern erinnert eher an einen Fön, der uns entgegenbläst.
Nach 20 km machen wir in Spitz am Donauufer Pause. Hier gibt es einen richtigen Strand mit feinem Sand und man kommt seicht in Wasser. Peter ist begeistert. Es fühlt sich fast an wie Meer.
Mit Melk beginnt die Landschaft Wachau, die durch ihren Wein bekannt ist und Unesco Welterbe ist, da aufgrund der landschaftlichen Besonderheit schon in der Steinzeit dort gesiedelt wurde. In Willendorf winken wir kurz der Willendorfer Venus zu, die dort gefunden wurde und 29.000 Jahre alt sein soll.
In Weißenkirchen gehen wir entgegen unserer Gewohnheit (normalerweise bleibt immer mindestens einer bei den Rädern, um das Gepäck zu bewachen) gemeinsam im Spar einkaufen und freuen uns sehr, dass der Laden so gut klimatisiert ist.
Nach so vielen Stopps, wollen wir bis Krems durchfahren, aber da steht am Straßenrand noch ein Hinweisschild für einen Aussichtspunkt. Wir bleiben stehen und schießen ein Foto von einer malerischen Stadt, die uns nichts sagt. Hinterher erfahren wir, dass es Dürnstein ist. Und als wir durchfahren, erinnert uns der Ort stark an Rüdesheim. Ziemlich touristisch mit vielen Nepplädchen. Alles etwas Disneyland-mäßig. Wir rauschen schnell durch und endlich endlich kommt Krems in Sicht. Der Campingplatz liegt zum Glück am Ortsanfang. Das Wetter ist inzwischen komplett trocken und wir freuen uns, unsere Sachen im Trockenen aufbauen zu können. Hier gibt es Picknicktische unter einem Pavillon und wir können im Schatten (!) am Tisch (!) Abend essen.
Wir sind heute durch ein wunderbares Weinanbaugebiet gefahren und ein Heuriger lockte nach dem nächsten. Also müssen wir heute Abend noch unbedingt einen Heurigen besuchen. Gerade als wir am Campingplatz ankommen, hängt jemand ein Plakat für einen Heurigen auf. Dies nehmen wir als Zeichen und besuchen ihn.

Es wird ein wunderschöner Abend in einem tollen lauschigen Garten mit ganz viel Wein zu ganz kleinen Preisen. Der Garten liegt ein paar Meter den Hang hoch. Im Dunkeln fahren wir eine enge, kurvige, steile, dunkle, rumpelige Gasse wieder runter und fühlen uns fast wie bei der Hahnenkamm-Abfahrt in Linz. Nur live und in Farbe. Unsere Bremsen funktionieren prima – auch auf dem Kopfsteinpflaster. Peter jauchzt vor Vergnügen.

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